Männerinitiation Der Ritus der Mannwerdung [Leseprobe]

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Leseprobe: Männerinitiation – Der Ritus der Mannwerdung

Die gesamte Geschichte der Menschheit ist geprägt von Ritualen: Geburtstage, Abibälle, Hochzeiten, Renteneintritt und Beerdigungen. All diese Übergänge werden nicht einfach klinisch oder förmlich absolviert, sondern haben immer einen Ritualcharakter. Professorin Birgitt Röttger-Rössler von der FU Berlin ist überzeugt: „Menschen kommen ohne Rituale nicht aus”. Damit ist sie in guter Gesellschaft.

Völkerkundler Professor Axel Michaels meint: „Ich vermute stark, dass es in unserer industrialisierten Welt mehr Rituale gibt als in traditionellen Gesellschaften. Heute kann man mal dieses sein, mal jenes. Damit diese Zugehörigkeit Form annimmt, bedarf es aber einer öffentlichen Darstellung.”

Diese öffentliche Darstellung ist das, was unserer Gesellschaft in Bezug auf die eigene Männlichkeit abhanden gekommen ist. Die Konfirmation oder die Jugendweihe sind nur noch ein schwacher Abklatsch einer wirklichen Männerinitiation.

Die biologische und psychologische Mannwerdung verläuft in vielen kleinen Schritten. Damit sich diese in der Psyche eines Mannes verankert, braucht es einen klaren Zeitpunkt, ab dem der Junge zum Mann wird. Um diesen Übergang zum Mann tatsächlich zu gehen, muss er „sinnlich erfassbar, emotional spürbar und mit anderen Menschen teilbar werden”, so Neurowissenschaftler Professor Wolf Singer von der Universität Frankfurt am Main.

Ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass der fehlende Ritus der Männerinitiation für viele gesellschaftliche Probleme unserer Zeit als Ursache angesehen werden kann. Nicht ohne Grund war solch ein Ritual in allen früheren Kulturen ein essenzieller Bestandteil eines jedes Mannes.

Auch wenn sich die Art des Rituals über die vielen verschiedenen Kulturen hinweg unterschieden, so haben doch alle Rituale einige Gemeinsamkeiten. Eine der Wichtigsten ist: Männer werden von Männern initiiert.

Die Männlichkeit und das männliche Potenzial im jungen Mann entstehen durch die Begegnung mit anderen Männern. Ein wesentlicher Bestandteil aller Initiationsrituale war der Verzicht auf die weibliche Fülle und die weibliche Sicherheit. Im Hollywoodfilm  „The Emerald Forest“ (Deutscher Titel: Der Smaragdwald) wird diese Szene anschaulich dargestellt. Als der Häuptling bemerkt, dass der heranwachsende Junge sein erstes Interesse an Mädchen entwickelt, ist die Zeit für ihn gekommen, zum Mann zu werden. In dieser Schlüsselszene des Films geht das Stammesoberhaupt zur Familie des Jungen, zeigt mit dem Finger auf ihn und sagt: „Der Junge muss sterben.“ Für die Frauen war das das eindeutige Zeichen, theatralisch anzufangen zu schreien und Widerstand zu leisten. Doch all dieser Widerstand half nichts. Der Häuptling packte den Jungen und ging hinaus in den Wald, wo die Initiation zum Mann geschehen sollte.

In fast allen Initiationsritualen werden die Jungen in die Männerwelt gebracht, ein Ort, an dem nur Männer sind und Frauen keinen Zutritt haben. Es wird getanzt, gerungen, gesungen und Geschichten erzählt.

Ein weiteres wichtiges Element einer jeder Initiation ist die Konfrontation mit der eigenen Angst und das Aushalten von kleineren, größeren oder gar extremen Schmerzen. Eine der wohl extremeren Formen sieht man in Papua-Neuguinea bei einer Dorfgemeinschaft, die in einer mehrwöchigen traditionellen Initiation, die gesamte Haut in einem sehr schmerzvollen Prozess vernarbt.

Dahinter steckt der Glaube, dass man mit einer Haut, die dem Krokodil nachempfunden ist, auch Kraft und Stärke eines Krokodils annimmt. Diese Narben und die damit ausgehaltenen Schmerzen sind der Beweis für die Stärke des jeweiligen Mannes, der seiner Gemeinschaft jetzt als vollwertiger Jäger, Krieger und damit als vollwertiger Mann zur Verfügung steht. Erst nach diesem Ritual dürfen die Männer eine Frau heiraten. Erst mit diesem Ritual werden sie bei diesem Stamm als Mann angesehen.

Ein anderer Stamm auf einer zu Vanuatu gehörenden Insel baut 15 bis 30 Meter hohe Türme. Nur mit einer Liane gesichert, stürzen sich die Männer von diesen Türmen und gelten damit als die Begründer des modernen Bungee-Jumpings. Heute ist dieser Ritus stark kommerzialisiert, doch vor noch nicht so vielen Jahren wurde niemand als Mann angesehen, wenn er noch nicht vom Turm gesprungen ist.

Bei einigen Stämmen in Afrika wurden die Jungen nur mit einem Speer bewaffnet hinaus in die Savanne geschickt, um eigenhändig einen Löwen zu erlegen. Erst, wenn der Löwe erlegt wurde, durfte der Junge zurück in den Stamm kommen und wurde von der Dorfgemeinschaft als Mann empfangen.

Und auch Nelson Mandela beschreibt in seiner Autobiografie sein Initiationsritual. Zuerst wurde er, sowie die anderen Jungen seines Stammes, für mehrere Tage isoliert und musste in dieser Zeit mehrere Mutproben bestehen. Doch die größte Mutprobe war für den letzten Tag angesetzt. Der ganze Stamm kam zusammen und alle Jungen wurden öffentlich vom Medizinmann beschnitten. Dabei galt es als Schande, auch nur das Gesicht zu verziehen, geschweige denn, einen Laut von sich zu geben.

Noch extremer geht es im Initiationsritual der Sataré-Mawé zu. Hier werden giftige Ameisen in einen Handschuh so eingewebt, dass der Träger dieser Handschuhe von den Ameisen auf jeden Fall gebissen wird. Diese Handschuhe müssen von jedem Mann für mindestens zehn Minuten getragen werden.

Dabei greift das Gift der Ameisen die Nervenbahnen des Trägers an, was extreme Höllenschmerzen auslöst und das nicht nur für die Zeit, in der die Handschuhe getragen werden, sondern auch die nächsten 24 Stunden. Diese Prozedur muss jeder Mann 20 Mal wiederholen, um von der Stammesgesellschaft als vollwertiger Mann angesehen zu werden.

Diese Initiationsriten sind wahrscheinlich deswegen so bekannt geworden, weil sie besonders waghalsig oder sehr schmerzhaft sind. Auch in den Riten der Germanen waren die Bestandteile des Verzichtens, der Männergruppe und des Kampfes eingewoben. Allerdings legen Nachforschungen nahe, dass der gemeinsame Tanz zu Ehren der Götter bei unseren Vorfahren das größte Gewicht hatte.

Der Schmerz, die Begegnung mit der eigenen Angst und das Aufbringen von Mut sind aber in jedem natürlichen Initiationsritual Kernbestandteile des Prozesses. Den Grund dafür beschreibt der Häuptling der Sataré-Mawé: “If you live your life without suffering anything or without any kind of effort, it won’t be worth anything to you”

Übersetzt: „Wenn du dein Leben ohne Schmerz oder ohne irgendeine Mühe lebst, wird es dir selbst nichts wert sein.“

Männer brauchen Initiationsriten, um sich selbst als vollständiger Mann zu verstehen. Diese Rituale haben mehrere sich durch alle Kulturen ziehende Kernbestandteile:

  • Die Initiation der Jungen durch Männer,
  • die Konfrontation mit der eigenen Angst und
  • das gemeinsame Tanzen und Feiern.

Ich bin nicht der Meinung, dass wir unseren Jungen Initiationsriten zumuten müssen, in denen sie großen Schmerzen oder Lebensgefahr ausgesetzt sind. Diese Mutproben sind nur in den Regionen wichtig, wo dieser Mut im alltäglichen Überleben gebraucht wird. Es ist aber auch zu beachten, dass nicht nur Dr. Thilo Gunter Bechstein herausfand, dass die Jugendweihe, Konfirmation oder Kommunion nicht dieselben archaischen Prozesse in Gang setzen, wie frühere Initiationsrituale.

Diese archaischen Prozesse sind sehr tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankert. Initiationsriten waren während der gesamten Menschheitsgeschichte auf dem gesamten Globus verbreitet und kamen erst mit der Ausbreitung des Christentums in Europa eine vollkommen neue Form. Diese etwas mehr als 1.000 Jahre christlicher Prägung sind jedoch gerade mal ein Wimpernschlag, verglichen mit den 200.000 Jahren der archaischen menschlichen Grundprägung. Und seit Carl Gustav Jung wissen wir, wie stark das kollektive Unterbewusstsein in uns wirkt.

Wenn wir unseren pubertierenden Jungen nur die schwachen und teilweise kommerzialisierten Rituale der Jugendweihe, Konfirmation oder Kommunion anbieten, müssen wir uns nicht wundern, wenn dieselben Jugendlichen ihre eigenen Rituale erschaffen. So ist das gemeinsame Komasaufen, initiierte Prügeleien, Klauen im Laden oder das heimliche Besprühen von Wänden und Zügen nur ein Ausdruck des tief in uns verankerten archaischen Wunsches, in die Männerwelt aufgenommen zu werden.

Wenn wir für den Übergang ins Mannsein keinen geeigneten Rahmen schaffen, suchen sich die jungen Männer ihre eigenen Rituale, um sich als Männer beweisen zu können. Gefährliche Aktionen, extreme Rauschzustände und das unkontrollierte miteinander Kämpfen kommen nur zustande, weil kein Raum geschaffen wird, in dem Männer ihren Mut beweisen können, in dem Rauschzustände produktiv genutzt werden oder kontrolliert miteinander gerungen wird.

Wahrscheinlich geht es dir so wie mir. Ich habe in meiner Jugend keine wirkliche Initiation in das Mannsein erfahren dürfen. Erst mit dem in der Einleitung erwähnten Männerworkshop wurden bei mir viele archaische Prozesse in Gang gesetzt, die mich psychologisch zum Mann machten.

Glaubst du, dass ein Mann, der einem Löwen in die Augen geschaut hat, Angst hat, einer Frau in die Augen zu schauen und ihr zu zeigen, dass er sie mag? Glaubst du, dass ein Mann, der erfahren hat, allein in der Wildnis überleben zu können, sich von der weiblichen Fülle abhängig macht? Glaubst du, dass ein Mann, der Schmerzen und Strapazen überwunden hat, nicht die Disziplin aufbringen kann, sein Leben zu ändern?

Wir leben in einer Gesellschaft der Fülle. Alles ist da. Wir müssen uns nicht mehr Gedanken darüber machen, ob wir genügend Nahrung zusammenbekommen, ganz im Gegenteil: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viel fressen. In dieser Gesellschaft brauchen wir keine Disziplin, keinen Mut und keine körperliche Stärke, um zu überleben. Wenn wir keine Lust zum Arbeiten haben, zahlt das Arbeitsamt unsere Miete. Computerspiele und Kino gaukeln uns echte Abenteuer vor und unser Gesundheitssystem hält unsere Körper selbst dann noch intakt, wenn wir Drogen nehmen, uns schlecht ernähren und auch sonst überhaupt nicht auf uns achten.

Nein, wir brauchen in dieser Gesellschaft keine Disziplin, keinen Mut und keine körperliche Stärke. Aber: Wenn du dein Leben ohne Schmerz oder ohne irgendeine Mühe lebst, wird es dir selbst nichts wert sein.

Mannwerdung im 21. Jahrhundert

Wir leben mittlerweile im 21. Jahrhundert. Dass jetzt jeder Mann zu einem Medizinmann geht, sich Ameisenhandschuhe überzieht und sich von meterhohen Holztürmen stürzt, ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Das muss er heutzutage auch nicht mehr. Es geht vielmehr darum, dieselben archaischen Grundprinzipien zu nutzen und auf das Heute zu übertragen. Ich und viele andere, die sich viel mit dem Prozess der Mannwerdung beschäftigt haben, sind da einer Meinung: Ohne diese Grundprinzipien bleiben wir Jungen, die zwar groß aber nicht erwachsen geworden sind.

Wir müssen uns Erlebnisse verschaffen, die „sinnlich erfassbar, emotional spürbar und mit anderen Menschen teilbar werden.” Ein zeitgemäßer Weg dafür sind moderne Rituale der Männlichkeit. Teil dieser Rituale sind der Verzicht, das Zusammenkommen in Männergemeinschaften, das Ringen mit der eigenen Angst und das Feiern gemeinsamer Erfolge. Ein solches modernes Ritual sollte auch die Möglichkeit des Scheiterns beinhalten.

Auf unseren Männerworkshops sind all diese Komponenten enthalten. Wir verlassen den Luxus der Zivilisation und eröffnen den Raum einer reinen Männergruppe. In diesen Raum einzutreten fordert vielen Männern Mut ab. Einige von diesen Männern haben mit dieser männlichen Kraft in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht. Entweder durch den Vater, andere erwachsene Männer oder Mitschüler.

Diese in der Kindheit geprägte Angst vor der männlichen Kraft, hält einige Männer bis zu ihrem Tode davon ab, wirklich ihr eigenes Leben zu leben. Zu viele folgen ihrer eigenen Schwäche und den Verlockungen der Konsumgesellschaft.

Jedes Jahr machen sich aber wieder hunderte Männer auf, ihre eigene Machtlosigkeit in Frage zu stellen. Sie verzichten für diese Zeit auf die Konsumgesellschaft. Sie ringen mit sich selbst und ihren Ängsten. Und feiern, wie sie wieder einmal über sich selbst hinausgewachsen sind.

Durch die Verknüpfung aller Elemente einer Männerinitiation:

  • Die Initiation durch Männer,
  • die Konfrontation mit der eigenen Angst und
  • das gemeinsame Feiern

ist dieser Workshop viel mehr als eine einfache Zeit unter Männern. Er ist der Startpunkt zu einer größeren geistigen Veränderung für alle Teilnehmer. Jeden Abend, wenn wir uns in den Kleingruppen versammeln, erzählen wir vom vergangenen Tag. Wir erzählen von den neuen Eindrücken und besonderen Aha-Erlebnissen. Aber auch von unseren Strapazen, unseren Ängsten und davon, wie wir sie überwunden haben.

Wir erzählten auch davon, wer wir sind, was wir für Sorgen haben und was unsere Wünsche für die Zukunft sind. Wir unterhalten uns über unsere verschiedenen Lebenswege und darüber, welche Spuren wir auf dieser Welt hinterlassen möchten. Ich kann dir versprechen: Kein Mann kommt nach so einem Workshop als derselbe Mann zurück.

Und darin liegt die Kraft solcher Männerworkshops oder Männerinitiationen. Das Zusammensein mit anderen Männern, das Erleben gemeinsamer Abenteuer und das Erreichen eines gemeinsamen Ziels lassen uns unserem eigenen Mann begegnen. Wir begegnen unserem Mut, unserer Disziplin und unserer körperlichen Stärke. Wir begegnen aber auch unserem herzhaften Lachen, unserem tiefen Respekt füreinander und unserer brüderlichen Liebe.

Das sind Erfahrungen, nach denen sich jede männliche Psyche sehnt. Sie sehnt sich nach Kontakt, nach Herausforderung und Abenteuer. Du musst nicht zu uns zum Workshop kommen, um ein Mann zu werden. Aber du musst rausgehen und etwas tun, um dieses Gefühl von Männlichkeit zu erleben. Auf der Couch zu sitzen und sich Abenteuerfilme anzuschauen, fühlt sich vielleicht etwas aufregend an, aber es ist einfach nicht das Gleiche, wie ein real erlebtes Abenteuer. Ich empfehle dir deswegen, mindestens einmal im Jahr ein mehrtägiges Abenteuer nur zusammen mit Männern zu erleben.

Wenn du dich im Raum der Männer persönlich weiterentwickeln willst, sind Männerworkshops ideal. Aber auch Wandertouren nur mit Männern haben es in sich. Es können aber auch andere Abenteuer sein. Mit einem Freund mietete ich mir einmal ein Segelboot und wir fuhren hinaus auf das Meer. Es war zwar nur ein Tag. Aber dieser Tag hat mich als Segelgrünschnabel mit genügend Abenteuer für die nächsten Monate versorgt. Manchmal fahre ich auch mit einem guten Kumpel einfach los. Alles, was wir haben, sind unser Auto und zwei Schlafsäcke. Und es gibt noch so viel mehr Möglichkeiten.

Begib dich regelmäßig in Abenteuer mit anderen Männern. Ja, natürlich könntest du diese Abenteuer auch allein erleben und natürlich könntest du auch Frauen mitnehmen. Aber damit hätten diese Erfahrungen nicht den gleichen Einfluss auf deine Männlichkeit.

Übung: Das Leben eines Abenteurers

Aufgabe: Nimm Zettel und Stift zur Hand und finde 15 Möglichkeiten, dieses Jahr ein Abenteuer zu erleben.

Hier geht es nicht darum konkret ein Abenteuer zu planen, sondern darum, welche Abenteuer du erleben könntest. Achte dabei darauf, dass deine Abenteuer die Elemente einer modernen Männerinitiation beinhalten. Eine reine Männerreise, die Konfrontation mit der eigenen Angst und dem gemeinsamen Feiern von Erfolgen. Es muss dabei nicht gleich die Himalaja-Expedition sein. Den Start kann eine dreitägige Kanutour machen.

Wenn du mehr Abenteuer mit anderen Männern erlebst, wirst du männlicher. Je mehr Möglichkeiten dir für diese Abenteuer bewusst sind, desto mehr Abenteuer wirst du wahrnehmen. Also leg los!

Ende der Leseprobe.

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